Dienstag, 21. März 2017

Interview mit Literaturagentin Nora Boeckl

Wir von der Romance Alliance möchten euch Einblicke in die Seiten des Literaturbetriebs geben, die für die meisten Menschen unsichtbar bleiben. Im Februar hat Nadine Skonetzki vom Zeilengold Verlag uns erzählt, wie der Alltag in einem frisch gegründeten Fantasy-Verlag so aussieht.
Heute plaudern wir mit jemandem, der zwischen dem Verlag und den Autoren vermittelt. Nora Boeckl ist Literaturagentin bei der Agentur Petra Eggers. Dieses vielfältige Berufsfeld hat in den letzten Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum immer mehr an Bedeutung gewonnen. Aber was genau macht so eine Literaturagentin eigentlich?





Romance Alliance: Liebe Nora, schön, dass du dir die Zeit für unsere Fragen nimmst. Erzähle uns doch erst einmal ein wenig über dich und deinen Beruf. Warum bist du Literaturagentin geworden? Was macht den Reiz daran aus?
 

Nora: Sehr gerne!
Also es wäre gelogen zu sagen, dass ich immer schon Literaturagentin werden wollte – schon deshalb, weil ich keine Ahnung hatte, dass es diesen Beruf überhaupt gibt, bevor ich als Studentin meine ersten Schritte im Literaturbetrieb gemacht habe. Wie so oft im Leben kommt es aber erstens anders und zweitens als man denkt und ich könnte mir für mich heute keinen schöneren Beruf vorstellen. Zum einen hat man durch die unterschiedlichen Manuskripte und Projekte – mein Schwerpunkt ist vor allem die Belletristik, ich betreue aber ab und zu auch mal ein Sachbuch – jeden Tag mit ganz unterschiedlichen Themen und Interessensfeldern zu tun; das ist sehr abwechslungsreich, niemals langweilig und ich lerne wirklich jeden Tag etwas Neues. Zum anderen sehe ich es als großes Privileg, zuallermeist mit klugen, sympathischen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, die etwas zu sagen haben und mir eine Sicht auf die Welt öffnen, die ich vielleicht bisher noch nicht hatte. Als Agentin ist man meist erster und engster Ansprechpartner für die Autoren, oft mehr noch als der Lektor, was auch durch die Strukturen in den Verlagen bedingt ist. Diese Art des persönlichen Arbeits- und auch Vertrauensverhältnisses empfinde ich als sehr bereichernd.

Romance Alliance: Welchen Weg bist du gegangen, um Literaturagentin zu werden? Welche „Ausbildung“ gibt es dafür?
 

Nora: Eine geregelte Ausbildung in dem Sinne gibt es nicht – „Literaturagent“ ist kein geschützter Beruf und so unterschiedlich die Agenten sind, so unterschiedlich sind sicher die Wege, wie sie es geworden sind.
Wie schon gesagt, war das bei mir nicht unbedingt Plan A (als ob man den jemals umsetzten würde – zum Glück!) und auch etwas Zufall. Mir war schon sehr früh klar, dass mein Beruf irgendwas mit Literatur zu tun haben soll. Also habe ich erst mal ganz klassisch Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft studiert in der festen Überzeugung, damit wäre mein Weg in ein Literaturlektorat (Hanser oder Suhrkamp, da war ich noch unentschlossen ;-)) quasi geebnet. Dass das natürlich nicht so ist, habe ich dann aber auch bald gemerkt. Also habe ich einen Master in Angewandter Literaturwissenschaft gemacht, in dessen Rahmen ich dann echte Einblicke in den Literaturbetrieb gewinnen konnte und diverse Praktika absolviert habe – in Lektoraten, das auch, aber eben auch in einer Literaturagentur, was wirklich ein Schlüsselerlebnis war, weil es mir dort so gut gefallen hat. Nach dem Studium habe ich dann aber dennoch erst ein Volontariat im Literaturlektorat von C.H. Beck gemacht, freiberuflich als Lektorin gearbeitet und dann noch promoviert, weil mir auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Literatur immer wichtig war. Als ich nach abgeschlossener Promotion eine Stelle gesucht habe, habe ich plötzlich diese Ausschreibung einer Agentur gesehen – und der Rest ist Geschichte. Dazu muss man aber auch sagen, dass es eher selten ist, dass in Agenturen mal eine Stelle frei wird, das sind doch eher kleine Unternehmen. Da war in meinem Fall also sicher auch ein wenig Glück mit im Spiel.
Rückblickend muss ich sagen, dass sicher jede dieser Stationen in meinem Lebensweg dazu beigetragen hat, dass ich heute als Agentin arbeite. Aber es ist eben nur EIN Weg. Viel wichtiger als zum Beispiel ein bestimmtes Studium ist, dass man für Literatur brennt und auch Ahnung davon hat. Lesen, lesen, lesen kann ich da immer nur wiederholen. Den Buchmarkt sollte man natürlich auch gut kennen, die Kontakte und Einsichten in die Verlage sind ein wichtiges Kapital der Agenten; aber das lernt man auch „on the job“. Sehr wesentlich finde ich noch, dass man den Menschen zugewandt ist; wer nicht gerne mit Menschen arbeitet und sich lieber in ein stilles Kämmerlein verkriecht, wird sich schwer tun in diesem Beruf, der zu einem großen Teil aus Kommunikation besteht.

Romance Alliance: Worauf legst du bei der Auswahl eines Autors/einer Autorin bzw. eines Manuskripts besonders Wert?


Nora: Ich kann da keine objektiven und immer gültigen Kriterien nennen; außer, dass mich ein Manuskript auf eine bestimmte Art für sich einnehmen muss. Das kann es über einen Tonfall tun, der mich überrascht, über eine Sichtweise, die ungewöhnlich ist, über einen Umgang mit stilistischen Mitteln, der mich beeindruckt, über eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden – kurz und gut: es muss mir etwas geben, was ich bisher noch nicht hatte (und von dem ich oft nicht wusste, dass ich es vermisse). Dann gibt es auch den Fall, dass ich mir selbst überlege, dass im Buchmarkt ein Buch zu einem bestimmten Thema fehlt bzw. sich ein Thema gerade sehr aufdrängt, oder dass ich einen Autor an der Hand habe, der als Persönlichkeit so interessant ist, dass er/sie unbedingt ein Buch schreiben sollte. Aber das betrifft natürlich vor allem Sachbücher, Belletristik ist nicht planbar.

Romance Alliance: Welche Punkte in der Zusammenarbeit mit Autoren/Autorinnen sind dir wichtig?
 

Nora: Ich finde, Respekt vor der jeweiligen Meinung des anderen ist sehr wichtig. Der Autor muss das Vertrauen in mich haben, dass ich den Buchmarkt einschätzen kann und meine Ratschläge in seinem Sinne und nach bestem Wissen und Gewissen abgebe. Ich wiederum muss respektieren, dass es das Manuskript des Autors ist und nicht meines; auch wenn ich vielleicht in einem bestimmtem Text gewisse Dinge anders machen würde, muss ich es akzeptieren, wenn der Autor das nicht will und die Vorschläge ablehnt. Da kann man dann auch schon mal unterschiedlicher Meinung zu etwas sein – man darf nur nicht den Respekt verlieren. Sonst klappt es nicht mit der Zusammenarbeit.

Romance Alliance: Welche Punkte in der Zusammenarbeit mit Verlagen sind dir wichtig?
 

Nora: Offene Kommunikation, auch über unangenehme Dinge. Und dass Entscheidungen im Sinne der Autoren getroffen werden. Ansonsten aber muss ich sagen, dass die Zusammenarbeit mit den Verlagen in aller Regel professionell, angenehm und produktiv ist.

Romance Alliance: Wie viele Anfragen von Autoren/Autorinnen bekommst du durchschnittlich pro Monat?
 

Nora: Puh, eher viele. Wenn man die unverlangten Manuskripte mit einrechnet, würde ich sagen so um die zwanzig bis dreißig.

Romance Alliance: Inwiefern darfst du dir „aussuchen“, welchen Autor/ welche Autorin du betreust?
 

Nora: Das ist tatsächlich ein ganz großer Luxus des Agentendaseins, auch verglichen mit den Lektoraten: Ich kann mir sehr frei aussuchen, mit was und mit wem ich mich beschäftige. Natürlich gibt die Agentur einen gewissen Rahmen vor, auch durch den Autorenstamm, den sie jeweils hat, aber ich bin da grundsätzlich in meiner persönlichen Entscheidung für oder gegen etwas sehr frei.

Romance Alliance: Wunschkonzert: welchen Autor / welche Autorin würdest du gern vertreten (bereits verstorbene sind auch erlaubt)?
 

Nora: Interessante Frage. Ich hätte zum Beispiel unglaublich gerne mit Wolfgang Herndorf gearbeitet, weil das ein wunderbarer, sensibler Mensch gewesen sein muss. Simone de Beauvoir hätte ich auch gerne mal kennengelernt, weil mich die Konsequenz ihres Lebensentwurfes beeindruckt. Ach, es gibt da so viele Autoren, deren Werk ich zutiefst bewundere, bei denen ich aber Zweifel hätte, ob ich mit ihnen persönlich auch klarkommen würde.

Romance Alliance: Bist du auf ein oder mehrere spezielle Genres spezialisiert oder offen für alles?
 

Nora: Habe ich eigentlich oben schon beantwortet – hauptsächlich Belletristik (und da mehr die literarische als Genreliteratur), aber ab und zu auch Sachbuch und grundsätzlich bin ich für alles offen. Es muss mich nur begeistern, dann ist egal, welches Genre.
 

Romance Alliance: Welche Schattenseiten hat dieser Beruf?
 

Nora: „Schattenseiten“ würde ich das jetzt nicht nennen, aber mir fällt auf, dass es zumindest mir tatsächlich schwer fällt, die berufliche Identität und die Privatperson zu trennen. Bei allem, was ich lese, bei jedem Gespräch, das ich führe, denke ich natürlich darüber nach, ob das denn auch für ein Buch interessant sein könnte. Das macht es manchmal etwas schwer, mal völlig entspannt nur „man selbst“ zu sein – was auch immer das ist, und letztendlich ist der Agentenberuf einer, in dem man natürlich seine ganz Persönlichkeit mit einbringen darf und auch muss.
Und dann wären auch noch die Autoren, die gerne drei Stunden mit einem über ihre Katze und die Großmutter telefonieren wollen, obwohl man gerade echt und wirklich absolut keine Zeit hat – aber da entwickelt man auch Strategien, wie man das höflich aber bestimmt abkürzen kann.

Romance Alliance: Liest du auch noch in deiner Freizeit? Wenn ja, welches Buch hat dich in letzter Zeit besonders beeindruckt?
 

Nora: Ja, sogar recht viel! Je mehr ich durch meinen Beruf über Literatur lerne, umso tiefer wird meine Liebe zur ihr, habe ich den Eindruck. Gerade habe ich Hanya Yanagihara: Ein bisschen Leben (orig. A Little Life) gelesen. Ein Höllenritt über 950 Seiten, aus dem man als anderer Mensch hervorgehen wird. Das ist ganz, ganz groß.

Romance Alliance: Hat sich dein Leseverhalten geändert, seit du Agentin geworden bist?
 

Nora: Ich greife, seit ich Agentin bin, oft auch aus Recherchegründen zu bestimmten Büchern, und nicht nur aus reinem Interesse. Zum Beispiel war ich bisher keine allzu große Krimi- und Thrillerleserin, versuche aber, da ein bisschen mehr Leseerfahrung zu gewinnen, weil es mir eigentlich großen Spaß macht, auch mal etwas aus diesem Genre zu vertreten.

Romance Alliance: Würdest du gern einmal die Rollen tauschen und selbst ein Buch schreiben?
 

Nora: Das steht definitiv auf meiner Liste. Einen Roman werde ich wohl eher nicht schreiben, das überlasse ich lieber den Leuten mit Talent. Aber ein Buch wird es schon irgendwann mal werden.

Romance Alliance: Die spannendste Frage für alle Autoren / Autorinnen - welche Art Manuskripte sind auf dem Buchmarkt gerade besonders gefragt? Kann man darüber überhaupt eine Aussage treffen?
 

Nora: Wenn ich das wüsste, säße ich jetzt auf den Malediven und würde es mir gut gehen lassen, mit dem vielen Geld, das ich verdient habe... Aber im Ernst: Sicher gibt es Erfahrungswerte, was in der Vergangenheit funktioniert hat und was weniger. Und natürlich gibt es gewisse Trends, die möglichst alle mitmachen möchten. Aber die Bestsellerformel, die hat noch niemand gefunden. Gut muss es sein! Der Rest ist Zufall und ein Quäntchen Glück.

Liebe Nora, wir danken dir vielmals für dieses interessante Gespräch und wünschen dir für deine Zukunft noch viele tolle Manuskripte!

Susanne Halbeisen für die Romance Alliance

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