Dienstag, 25. April 2017

Interview mit Julia Eisele vom Eisele-Verlag

Wir von der Romance Alliance möchten euch interessante Einblicke in den Literaturbetrieb geben und interviewen deshalb in der kommenden Zeit Verleger, Buchblogger und Agenten. Heute habe ich das Vergnügen mit Julia Eisele sprechen zu können. Bisher seit sieben Jahren Programmchefin Taschenbuch bei Piper und seit 2011 zusätzlich fürs Pendo-Hardcover verantwortlich, hat sie den Schritt gewagt und in München einen eigenen Verlag gegründet. Im Herbst geht der Eisele Verlag mit seinem ersten Programm an den Start. 


Bild: Irène Zandel
Romance Alliance: Liebe Julia. Ein mutiger und sicher wohlüberlegter Schritt. Was hat dazu geführt?

Mit Ende vierzig kommt man wohl in das Alter, in dem man sich fragt, was im Leben noch alles kommen mag. Ob alles so weitergehen soll wie bisher, oder ob man noch mal was ganz Neues beginnen möchte. Bei mir war es so, dass ich meinen Beruf zwar immer geliebt habe, ich aber dennoch den Wunsch nach mehr Eigenständigkeit, Unabhängigkeit verspürte und gleichzeitig die Lust auf ein neues Abenteuer. Und ich glaube, ich war nie die klassische Angestellte, ich habe keine Angst, Verantwortung zu übernehmen.

Romance Alliance: Du hast schon im vergangenen Jahr Abschied vom Piper Verlag genommen. Im Herbst geht dein Verlag an den Start. Wie viel Arbeit lag für dich dazwischen?

Wie viel Arbeit so eine Verlagsgründung ist, habe ich ehrlich gesagt ein bisschen unterschätzt. Vier Bücher zu machen, sie zu akquirieren, zu lektorieren etc., ist ja noch überschaubar, aber es gibt so viele andere Dinge zu tun, vieles davon auch zum ersten Mal. Und obwohl ich so tolle Partner habe wie die Ullstein Buchverlage im Vertrieb, Politycki & Partner in der Presse und ein wunderbares Grafikbüro, bleibt noch wahnsinnig viel übrig, das einem niemand abnehmen kann.

Romance Alliance: Gab es Hindernisse oder Schwierigkeiten, mit denen du nicht gerechnet hattest, oder lief für dich alles ohne größere Aufreger?



Eigentlich lief bisher alles viel besser, als ich es je zu hoffen gewagt hätte. Ich habe einen großartigen kaufmännischen Geschäftsführer an meiner Seite, der mich nicht nur in finanziellen, sondern eigentlich allen Belangen berät und unterstützt, Ullstein ist sogar von sich aus auf mich zugegangen und macht jetzt sehr engagierte Vertriebsarbeit und produziert meine Bücher auch, die Zusammenarbeit mit dem Pressebüro läuft prima, ich habe sogar schon die Taschenbuchrechte eines Buches aus meinem ersten Programm für eine erfreuliche Summe an einen großen Publikumsverlag verkaufen können ... Manchmal denke ich, es müsste jetzt rein statistisch mal was richtig schiefgehen, aber bisher ist das zum Glück noch nicht passiert.

(Die Romance Alliance drückt die Daumen, dass es so bleibt. :-))
 

Romance Alliance: Der Markt ist heiß umkämpft und die Konkurrenz groß. Warum hat dem Literaturbetrieb der Eisele Verlag noch gefehlt?

Weil es zu wenig unabhängige Verlage gibt und man den Markt nicht kampflos den großen Konzernverlagen überlassen sollte. Weil es zu viel Austauschbares gibt und sich Leser und Autoren sorgfältig und mit Liebe gemachte Bücher wünschen. Weil sich, wenn es mit dem Eisele Verlag klappt, in Zukunft vielleicht noch mehr Leute (insbesondere Frauen) trauen, sich auf die eigenen Füße zu stellen.

Romance Alliance: Vom Logo über die Webseite über die Covergestaltung und die Auswahl der Bücher, man gibt sich ja eine gewisse "Corporate Identity" und muss viele Entscheidungen treffen. Was, würdest du sagen, ist für dich der rote Faden bei all diesen Entscheidungen gewesen?

Mein Motto lautet: Die Professionalität der Großen, kombiniert mit dem Wagemut der Unabhängigen. Mir ist es wichtig, authentisch zu sein, hinter jedem Projekt, das ich realisiere, voll und ganz zu stehen, meinem Verlag ein menschliches Gesicht zu geben. Nur wenige Bücher zu machen, die aber sehr sorgfältig. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch nicht am Markt vorbei publizieren, sondern habe durchaus den Willen zum Erfolg. Und ich möchte bewusst nicht als Nischen- oder Kleinverlag wahrgenommen werden, sondern als jemand, der auch mit den großen Publikumsverlagen konkurrieren kann.

 
Romance Alliance: Als Autorengruppe sehen wir natürlich mit Wohlwollen, dass mit Hanni Münzer (Honigtot, Marlene) und ihrem Roman Solange es Schmetterlinge gibt eine Autorin Einzug ins Programm hält, die als Selfpublisherin gestartet ist und die von dir entdeckt und aufgebaut wurde. Wir haben den Eindruck, Verlagen fehlt manchmal der Mut, eigene Entdeckungen zu machen. Wie erzielt man ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mut zum Risiko und Sicherheitsdenken?


Das ist eine sehr gute Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Das Verlegen hat per definitionem viel mit Mut zum Risiko zu tun, weil man eben vorher nie wissen kann, ob ein Buch ein Erfolg wird oder nicht. Daher ist es so wichtig, dass man an seine Projekte glaubt, sonst kann man sie auch nicht überzeugend nach außen vertreten. Und das wiederum hat viel mit Intuition und Bauchgefühl zu tun. Wer zu sehr auf Sicherheit setzt, also auf die Wiederholung von Erfolgen oder die Nachahmung von Moden, vermeidet vielleicht ganz krasse Flops, hat aber auch weniger Chancen auf den ganz großen Erfolg. Denn so richtig durch die Decke gehen meist innovative Stoffe, nicht das schon Dagewesene. Und wie gesagt: Was bedeutet Sicherheit im Buchgeschäft? Die gibt es eben nicht. Das ist ja aber auch das Spannende daran, das, was es so reizvoll macht.

Romance Alliance: Eine Fee erscheint und du darfst dir eine/n Wunschautor/in für dein nächstes Programm wählen - keine Einschränkungen - auf wen würde deine Wahl fallen?

Zunächst einmal habe ich das Glück, dass alle vier Bücher meines ersten Programms absolute Wunschbücher sind, ich habe da keine Kompromisse gemacht. Zu den Autoren, die ich davon abgesehen in letzter Zeit am liebsten gelesen habe, zählen Jane Gardam, Joachim Meyerhoff, Chimananda Ngozi Adichie, Tomas Espedal, John Williams und einige andere.


Romance Alliance: Wusstest du eigentlich schon immer, dass du später mal im Literaturbetrieb arbeiten möchtest?

Mir kommt es jetzt so vor, zumal ich tatsächlich als Kind schon Lektorin werden wollte, ohne genau zu wissen, was das eigentlich ist. Aber ganz so stromlinienförmig ging es dann nicht. Ich habe während meines Studiums viel bei Fernsehsendern und auch bei einer Fernsehproduktion gejobbt und kann mich erinnern, dass es durchaus eine Zeit gab, wo ich zwischen dem Verlagswesen und einer Stelle beim Fernsehen schwankte. Und ein bisschen Glück muss man immer haben; meins war, dass ich eine Stelle als Lektoratsassistentin im Goldmann Verlag angeboten bekam, die mir Karl-Heinz Bittel, der damalige Programmleiter des Knaus Verlags, vermittelt hat. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Romance Alliance: Ihr startet mit einem kleinen aber feinen Programm. Suchst du aktuell eigentlich noch Autoren oder bist du gut versorgt?

Natürlich suche ich Autoren! Besonders gern würde ich auch mehr deutsche Autoren publizieren, aber ich bin sehr wählerisch. Und ich kann (noch) keine riesigen Vorschüsse zahlen.

Romance Alliance: Wie schnell weißt du, ob ein Manuskript etwas für den Eisele-Verlag ist und was sind deine Hauptkriterien?

Mein Hauptkriterium ist meine persönliche Begeisterung. Die ist das allerwichtigste, ohne die geht gar nichts. Und ich muss dem Buch gewisse Verkaufschancen zutrauen, sonst nützt die größte Liebe nichts. Generell lese ich sehr gerne Bücher, die zwischen guter Unterhaltung und dem, was man so „Literatur“ nennt, angesiedelt sind. Also besondere Erzählstimmen jenseits der Massenware, die aber zugänglich und emotional bewegend sind.

Romance Alliance: Wie stellst du dir deinen Verlag in fünf oder zehn Jahren vor?

Eigentlich fast so wie heute. Im Moment möchte ich den Verlag klein halten und nur wenige Bücher machen, also 8 bis 10 pro Jahr. Ein kleines, feines Programm.

Romance Alliance: Sozusagen als Flaggschiff des Herbst-Programms geht Die Farbe von Milch der britischen Dramatikerin und Autorin Nell Leyshon an den Start. (Übrigens ein traumschönes Cover!) Was hat dich für diesen Roman eingenommen und warum sollte man ihn unbedingt lesen?
 

Die Farbe von Milch ist für mich ein Glücksfall, weil es genau das verkörpert, was ich an Büchern liebe. Die Erzählstimme ist absolut außergewöhnlich und aufregend, die Geschichte fesselnd, emotional, geradezu bestürzend. Der Leser versetzt sich ganz und gar in den Kopf der Erzählerin, eines jungen Bauernmädchens, das in den Haushalt eines Pfarrers geschickt wird und dort einen Kulturschock erlebt, der tödliche Folgen hat. Ein Buch mit Anspruch, das dennoch hervorragend unterhält.

Romance Alliance: Als dritten Roman im Programm finde ich Signor Rinaldi kratzt die Kurve des italienischen Autors Lorenzo Licalzi, eine tragikomische Road-Novel bei dem Jung und Alt mit ihren Lebenswelten und Vorstellungen aufeinanderprallen. Was ist für dich der besondere Reiz an Road-Movies/Road-Novels? Warum funktionieren sie so gut?

Ich bin gar nicht sicher, ob Road-Novels per se so gut funktionieren. Es hat in jüngerer Vergangenheit zwar ein paar große Erfolge in der Road-Novel gegeben, allen voran sicher „Tschick“. Aber ich erinnere mich an sehr viele Geschichten von unterwegs, die sich nicht gut verkauft haben. An Signor Rinaldi kratzt die Kurve hat mich eher der Charakter des alten Mannes und seine persönliche Entwicklung interessiert als die Tatsache, dass der Roman hauptsächlich auf einer Reise von Genua nach Rom spielt. Und auch hier wieder: Eine sehr besondere, ebenso witzige wie kluge Erzählstimme. Die italienische Atmosphäre, die verschiedenen Schauplätze sind da eher das i-Tüpfelchen.

Romance Alliance: Mit Haim Shapiras' Glück und andere Kleinigkeiten von absoluter Wichtigkeit ist auch ein Sachbuch dabei. Was bedeutet für dich persönlich denn "Glück" und hat das Buch deine Sicht auf das Thema verändert?
 

Die Hauptaussage von Shapiras  Buch ist, dass es kein allein seligmachendes Rezept für das Glück gibt, sondern dass das jeder für sich alleine herausfinden muss. Das ist das Schwierige, aber auch das Schöne im Leben: diese Reise, auf der man nach und nach immer mehr über sich selbst herausfindet und das, was einem gut tut. Ich glaube, ich bin selbst eher ein Spätzünder, was mein persönliches Glück betrifft. Mir geht es jetzt viel besser als vor, sagen wir, 20 Jahren. Mich macht derzeit meine Arbeit besonders glücklich, und die Menschen, die mir wichtig sind und denen ich mich verbunden fühle.

Romance Alliance: Hand auf's Herz … Auf einer Skala von 1 bis 10, wie nervös blickst du auf den Start im Herbst?

Ich würde sagen 5. Ich bin nicht besonders nervös, eher freudig aufgeregt. Und ich bin sehr optimistisch.

Wir von der Romance Alliance drücken fest die Daumen und wünschen viel Glück und Erfolg und hoffen, dass sich der Mut und die viele Arbeit auszahlen. Wir freuen uns auf viele schöne Programme aus dem Eisele Verlag.

Dankeschön, wie nett von Euch! Und ich danke für Euer Interesse und die Möglichkeit des Interviews. Immer gerne wieder.

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