Dienstag, 25. Juli 2017

Interview mit Autorin und Lektorin Susanne Pavlovic

Und weiter geht es mit unseren Interviews. Heute haben wir die Autorin und Lektorin Susanne Pavlovic vor unser imaginäres Mikrofon geholt. Vor einigen Jahren schon ist unsere Autorin Bettina Kiraly auf die Schreibtipps auf der Homepage und die Minikurs-Videos auf youtube der Textehexe Susanne Pavlovic aufmerksam geworden. Seit damals haben die beiden schon bei einigen Projekten zusammengearbeitet. Was die supersympathische Lektorin bietet: eigentlich alles von Volllektorat, Teillektorat, dem Abklopfen auf Logikfehler und Überprüfung des Spannungsbogens bei Leseproben, Exposes und die gemeinsame Entwicklung von Romanideen. Außerdem ist Susanne eine begnadete Autorin. Aber dazu später mehr.

Nina Thilo, Fürth
Romance Alliance: Willkommen bei uns, Susanne. Erzähl doch bitte mal ein wenig über dich und deinen Beruf. Welchen Weg bist du gegangen, um Lektorin zu werden? Welche „Ausbildung“ gibt es dafür?
Susanne Pavlovic: Tatsächlich gibt es keine einheitliche Ausbildung. „Lektor/in“ ist kein geschützter Begriff, letztlich kann jede/r sich so nennen - ein bisschen wie bei „Coach“. Das führt einerseits zu einer großen Bandbreite von Kolleg/innen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten und Fähigkeiten, leider aber auch dazu, dass es Autor/innen selbst überlassen ist, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Ich selber habe immer schon nicht nur geschrieben, sondern auch einen Riesenspaß daran gehabt, mich analytisch mit Texten zu beschäftigen, und habe nicht zuletzt deshalb Germanistik studiert. Schon zu Studienzeiten war ich in Autorengruppen aktiv. Damals waren das noch „Offline-Gruppen“ - man traf sich in Cafés oder Studenten-WGs, las sich gegenseitig was vor und diskutierte drüber. Irgendwann Mitte oder Ende der 90er habe ich diese Aktivitäten dann ins Internet verlegt. Damals war ich im deutschen Harry-Potter-Fandom recht aktiv und habe die Fanfictions befreundeter Autorinnen lektoriert. Und so zog das dann seine Kreise.

Romance Alliance: Wie ist die Zusammenarbeit mit den ersten Autoren und Verlagen zustande gekommen?
Susanne Pavlovic: Meine erste Kundin im „gewerblichen“, also nicht-ehrenamtlichen Lektorat war Jo Berger (www.jo-berger.com), mit der ich heute noch arbeite und der ich inzwischen auch freundschaftlich verbunden bin.  Sie fand meine Webseite. Die war damals noch ganz frisch und eher so ein Versuch, damals noch nebenberuflich, was so geht. Jo war damals schon außerordentlich gut vernetzt. Meine Arbeitsweise hat sie überzeugt, und sie hat mich weiterempfohlen. So kamen die ersten Kunden, ein facebook-Profil, und offenbar hab ich’s nicht versaut, denn die Kunden kamen wieder und brachten ihre Freunde mit. Und so wuchs das dann ziemlich schnell.

Romance Alliance: Hast du schon einmal einen Auftrag abgelehnt?
Susanne Pavlovic: Ja, nicht nur einen.
Bevor ich mein „Hexenteam“ hatte (meine vier wunderbaren Mithexen Andrea, Anke, Laura und Simona), musste ich oft „nein“ sagen, weil ich ausgebucht war. Heute muss ich nur noch ablehnen, wenn ich das Gefühl habe, das führt zu nix. Typische Mach-ich-nicht-Aufträge sind:
- „Ich hab hier ein Manuskript, das ist nahezu perfekt, geradezu makellos, Sie müssen da nur noch mal anhauchen und mit dem Ärmel drüberpolieren.“ (Auch das hässlichste Kind ist für die eigene Mutter das schönste der Welt.)
- „Ich hab hier ein Manuskript, das hat 1000 Seiten, das muss bis gestern fertig sein, weil ich hab schon Werbung gebucht.“
- „Ich hab hier ein Manuskript, das ist voller Fehler, aber ich hab keine Lust zum Überarbeiten, und Geld hab ich auch keins.“

Romance Alliance: Hast du dich auf ein spezielles Genre spezialisiert oder bist du offen für alles?
Susanne Pavlovic: Ich bin grundsätzlich mal offen für alles, was ein erzählender Text ist. Wenn ich anhand von Leseprobe oder Inhaltsangabe feststelle, dass da Themen berührt werden, mit denen ich mich nicht befassen mag, sage ich ab. Ich könnte zum Beispiel nichts lektorieren, wo ausgiebig auf Kinder- oder Tierleid eingegangen wird, und sei die Message auch noch so edel. Mich würde das einfach nur gewaltig runterziehen.

Romance Alliance: Worauf legst du bei der Überarbeitung eines Manuskripts Wert?
Susanne Pavlovic: Dass ich für ein Manuskript auch genug Zeit habe. Lektorat ist ja, so wie ich das betreibe, ein kreativer Prozess. Die Kundin stellt mir eine Aufgabe: Der Text ist nicht so spannend, wie er sein könnte, die Handlung ist unübersichtlich, die Figur müsste am Schluss eigentlich linksrum, man kriegt aber die Kurve nicht – und für dieses Problem habe ich dann eine sowohl kreative als auch machbare Lösung zu entwickeln. Wenn ich im Akkord Wortwiederholungen aus einem Text rausfische, komme ich gar nicht auf diese tiefe Sinn- und Strukturebene eines Textes – und dann liefere ich nichts, was nicht ein gutes Schreibprogramm auch (und viel billiger) könnte. Ich muss einen Text auch mal sacken lassen können, ich muss drüber brüten dürfen, wenn ich mit dem Hund im Wald bin. Dann komme ich auch recht schnell mit einer Lösung aus dem Knie.

Matthias Neumeyer, Hamburg
Romance Alliance: Was ist dir bei der Zusammenarbeit mit einem Autor wichtig?
Susanne Pavlovic: Vor allem, dass von vorneherein sauber geklärt wird, wie die jeweilige Erwartungshaltung ist. Wenn jemand sagt, „Mach am Inhalt nix, mach mir nur die Wortwiederholungen raus“, dann ist das eine klare Ansage, und ich kann überlegen, ob ich darauf Lust habe. Wobei meine Stärken schon in der inhaltlichen Arbeit liegen - also in allem, was ein Buch spannender, emotionaler, dramatischer, fesselnder macht - weniger im rein Technischen wie Kommafehler, Wortwiederholungen oder Rechtschreibung. Kann ich schon auch, mach ich schon auch, gelegentlich, aber Autor/innen sind mir am liebsten, die auch inhaltlich arbeiten wollen. Mit denen ich mir Ideen zuspielen kann.

Romance Alliance: Und wie sieht es beim Kontakt mit Verlagen aus. Läuft deine Aufgabe dann anders ab?
Susanne Pavlovic: Eigentlich nicht. Der Verlag bringt eigentlich nur mich und den Autor / die Autorin zusammen, und dann arbeiten wir ganz regulär am Text. Ich arbeite aber auch deutlich häufiger mit Selfpublishern als mit Verlagen. Aus keinem speziellen Grund, das hat sich so ergeben.

Romance Alliance: Welches Erlebnis ist dir in deiner Karriere besonders deutlich in Erinnerung geblieben?
Susanne Pavlovic: Es fällt mir schwer, da ein einzelnes Erlebnis rauszupicken. Ich bin ja die Dienstleisterin im Hintergrund, der Coach am Spielfeldrand sozusagen. Aber wenn eine Kundin kommt und sagt „Ohne dich wäre mein Buch nie so gut geworden“, dann bin ich jedesmal unglaublich glücklich.

Romance Alliance: Mit welchem/r Autor/in würdest du gerne einmal zusammenarbeiten?
Susanne Pavlovic: Wenn ich mir jemanden wünschen dürfte: Ursula Poznanski, eine wunderbare Jugendbuch-Autorin, die bei Loewe veröffentlicht und deshalb gar keinen Bedarf an einer freien Lektorin hat :-) Ich bewundere sie sehr. Sie schreibt nicht nur sehr spannend, sondern auch ungeheuer authentisch.
Insgesamt hätte ich auch gar nichts dagegen, ein bisschen öfter von Verlagen beauftragt zu werden. Ich hatte aber bisher noch keine Zeit, mich dahinterzuklemmen, und von selber wird das nichts.

Romance Alliance: Welche Schattenseiten hat dein Beruf?
Susanne Pavlovic: Für mich keine. Ich bin meine eigene Herrin, niemand schreibt mir was vor, ich lerne viele äußerst interessante Menschen kennen, ich darf mit Ideen spielen, die ich mir nicht alle selber ausdenken muss, ich bin oft nicht nur Textarbeiterin, sondern gleichzeitig Projektmanagerin und Autor/innencoach - das ist ungeheuer abwechslungsreich. Ich würde mit niemandem tauschen wollen.
Das Einzige, was vielleicht manchmal fehlt, ist der direkte Austausch mit einem Kollegium, quasi der Gang in die Teeküche oder zum Kopierer und das Schwätzchen zwischendurch. Wir, mein Hexenteam und ich, holen uns das zu einem gewissen Grad online, über unsere facebook-Gruppe, aber natürlich ist das nicht ganz dasselbe. Umso wichtiger sind regelmäßige Treffen auf Messen oder zu anderen Gelegenheiten. 

Romance Alliance: Welchen Tipp hast du für Autoren?
Susanne Pavlovic: Zwei, die ich gleichermaßen wichtig finde:
- Schaff dir das Handwerk drauf. Talent ist nichts ohne Handwerk. Alle wirklich guten Autor/innen haben beides.
- Mach dein Ding. Und dann mach es so lange, bis es Erfolg hat.

Fotostudio Kohler, Bamberg
Romance Alliance: Was liest du selbst in deiner Freizeit gerne? Wenn ja, welche Genre oder welche Autoren?
Susanne Pavlovic: Uh, ich lese ja viel weniger, als man mir gemeinhin unterstellt ... und wenn, dann viel Sachliteratur. Gesellschaftliche, politische Themen. Mein letztes war „Verteilungskampf“ von Marcel Fratzscher, über die Schere, die sich zwischen Arm und Reich auftut. Zeitung lese ich auch viel, und bis ich mit meiner dicken Wochenzeitung durch bin, steckt meist schon die nächste im Briefkasten. Mein SUB enthält darüber hinaus viele Bücher befreundeter Autor/innen oder welche, die in befreundeten Independent-Verlagen erschienen sind.

Romance Alliance: Hast du einen anderen Blick auf Bücher, die du privat liest, seit du Lektorin bist?
Susanne Pavlovic: Nur, wenn sie insgesamt langweilig sind (und dann lese ich nicht viel davon). Wenn das Buch gut und packend ist, kann ich auch die Lektorinnenbrille absetzen und mich auf die Geschichte einlassen. Aber wenn die Geschichte nicht funktioniert, sehe ich halt sofort, warum nicht, und wie man das beheben könnte.

Romance Alliance: Kannst du beim Schreiben die Lektorenstimme ausschalten?
Susanne Pavlovic: Ja, muss ich, sonst kriege ich nichts geschrieben.

Romance Alliance: Wieviel Prozent deiner Arbeit ist Schreiben, wieviel Lektorieren?
Susanne Pavlovic: Auf das lange Mittel vermutlich so 50-50, wobei das natürlich schwankt, je nachdem, wo gerade eine Deadline ihren langen Schatten voraus wirft.

Romance Alliance: Glaubst du, dass dich die Arbeit als Lektorin zu einer erfolgreicheren Autorin gemacht hat?
Susanne Pavlovic: Zu einer erfolgreicheren vielleicht nicht, zu einer besseren jedenfalls. Ich bin einfach kritischer mit meinen eigenen Texten und sehe auch schneller, wo’s hakt, wenn’s hakt. Ich verschwende nicht mehr so viel Zeit mit der Fehlersuche. Natürlich habe ich selber für meine Bücher auch eine hervorragende Lektorin (Simona aus meinem Hexenteam), aber ich kann mich im Vorfeld, beim Schreiben, besser selbst coachen, als ich das früher konnte. Ich formuliere dann mein Problem für mich selbst, so gut ich kann, und dann mache ich mental einen Schritt rückwärts und denke: Wenn eine Kundin dir dieses Problem schildern würde, was würdest du ihr raten? Und dann befolge ich meinen eigenen Rat. Oftmals hilft das schon.

Amrûn Verlag
Coverdesign: Christian Günther, Hamburg
Romance Alliance: Eines deiner Bücher hat ja sogar den Deutschen Phantastik Preis gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Erzähl mal ein bisschen darüber.
Susanne Pavlovic: „Feuerjäger 1 – Die Rückkehr der Kriegerin“ ist als bester deutschsprachiger Roman ausgezeichnet worden, und ich habe eine formschöne Bücherstütze auf Marmorsockel bekommen, die jetzt neben dem Pokal von der Begleithundeprüfung 2011 steht und regelmäßig abgestaubt wird. Der Deutsche Phantastik Preis ist einer von zwei renommierten Branchenpreisen (der zweite ist der Seraph). Jenseits unserer kleinen Phantasteninsel wird er kaum wahrgenommen, aber für mich war es schon großartig, ihn zu gewinnen. Feuerjäger ist so ein Stoff, der gegen alle Prognosen und gegen jede Marktbeobachtung erfolgreich wurde. Im Kern ist er ziemlich alt, die Grundzüge von Band 1 entstanden weit vor der Digitalisierung des Buchmarktes und der „Erfindung“ des modernen Selfpublishings. Ich hatte damals ein paar dünne Kontakte zu Verlagen und Agenten und die nachdrückliche Einladung, das ganze Ding umzuschreiben, es zu „mainstreamen“. Nachdem ich da aber keine Lust drauf hatte, blieb es in der Schublade. Als dann Amazon die Möglichkeiten des digitalen Selfpublishings eröffnete, war das schon fast mein Weg, bis mir Jürgen Eglseer vom Amrûn Verlag über den Weg lief. Der Rest ist (Erfolgs-)Geschichte.
Dass ausgerechnet dieser sperrige Stoff mit seiner etwas sperrigen Autorin solche Anerkennung bekommt, empfinde ich als große Genugtuung und natürlich auch als Beweis dafür, dass man sich nicht mainstreamen lassen muss, um sein Zeug an den Leser / die Leserin zu bekommen.

Romance Alliance: Wieviele Bücher hast du selbst insgesamt schon geschrieben?
Susanne Pavlovic: Geschrieben: acht. Veröffentlicht: sechs, fünfmal Fantasy und einen Jugendroman. Darüber hinaus diverse Kurzgeschichten und Fachartikel. Und zweitausend Seiten Harry-Potter-Fanfiction, aber die sind inzwischen echt alt

Liebe Susanne, vielen Dank, dass du uns bei dir einen Blick hinter die Kulissen gewährt hast. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg und drücken dir die Daumen, dass auch Teil zwei deiner Feuerjäger-Reihe einen Preis bekommt!

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