Dienstag, 10. April 2018

Neues aus unserer Autorenwerkstatt: Ist Schreiben wirklich ein Handwerk, oder reicht Talent aus?




* Neues aus unserer Autorenwerkstatt *

von Jessie Weber



Ist Schreiben wirklich ein Handwerk, oder reicht Talent aus?



Schreiben ist ein Handwerk. Man kann – und sollte – es lernen und stetig verbessern. Das ist meine feste Überzeugung.
Ich höre schon den Aufschrei: So ein Quatsch! Talent ist viel wichtiger, als langweilige Techniken zu lernen! Inspiration ist alles!
Dem wage ich zu widersprechen. Meine Gedanken hierzu sind folgende:

Die Inspiration ist der zündende Funke, ohne ihn bringst du kein Feuer zum Brennen. Wenn du nicht für das Schreiben brennst, wenn die Gedanken und Ideen nicht aus deinem Kopf herausdrängen, wirst du meiner Meinung nach kein überzeugender Schriftsteller, dessen Werke den Leser entflammen können. Manche Autoren lernen mit der Zeit, die sprühenden Funken zu bändigen, sie sogar genau dann zu entfachen, wenn ihre (am besten tägliche) Schreibzeit gekommen ist, andere lassen sie sprühen, kritzeln jederzeit jede auffindbare Ecke von Papier (zur Not auch Kassenbons) voll mit Ideen. Wieder andere kennen beides. Hier, wie bei so vielen Dingen, muss jeder Autor seinen Weg finden.
Nun haben wir also den Funken. Jetzt gilt es, ihn zu füttern. Dabei sehe ich die Worte als das Stroh, das der entflammte Autor auf die Funken seiner Ideen wirft. Die Worte fangen Feuer, der Schreibfluss setzt ein, die erste Rohfassung deines Werkes entsteht. Es brennt schnell und heiß, dein Strohfeuer, und im besten Fall hast du immer genug Material, um es zu füttern. Doch ist das schon das Feuer, das die Leserherzen wärmt? Für einige mag es genügen. Ein schnell heruntergeschriebener Text, voll mit den Emotionen einer ersten Liebe, kann durchaus mitreißen. Doch Liebe macht leider blind, das wissen wir alle. Blind für Fehler aller Arten. Wer hat nicht schon mal in der ersten Verliebtheit über etwas hinweggesehen, das ihn später an seinem Partner massiv gestört hat? Auf das Schreiben bezogen bedeutet das, dass die erste Rohfassung eines Textes im Normalfall voller Fehler steckt. Rechtschreibfehler, seltsamer Satzbau, falsche Zeichensetzung, Logik-, Recherche- und Perspektivfehler – all das passiert schnell, schließlich weiß man ja genau, was man sagen will. Das wird der Leser ja wohl auch verstehen, oder?
Eben nicht. Der Leser kann nicht in deinen Kopf schauen. Er liest nur die Worte, die im Buch stehen. Er hat nicht dein Hintergrundwissen. Das solltest du dir immer bewusst machen. Auch liebt er deine Charaktere vielleicht nicht vom ersten Wort an, sondern muss sie erst lieben lernen. Dabei kann es passieren, dass ihn die o. g. Fehler massiv stören und ihn davon abhalten, sich in dein Werk zu verlieben.
Zurück zu unserem Feuer. Damit das Strohfeuer nicht erlischt und möglichst viele, auch kritische, Leser wärmt, brauchst du nun Holz. Das ist das Handwerk. Zuerst legst du vielleicht nur dünne Äste auf, denn, wie gesagt, du musst das Handwerk ja erst lernen, doch je mehr du schreibst, je mehr du liest, dich informierst, an deinen Texten feilst, überarbeitest, recherchierst, dich mit anderen Autoren, Testlesern und Lektoren auseinandersetzt, desto dicker und trockener wird dein Holz, bis deine Flammen – deine Werke – schließlich die Leserherzen dauerhaft wärmen. Dabei gehen dir die verliebten Funken des Anfangs nicht verloren! Sie sind der Grundstein deiner Bücher. Die Liebe ist immer noch da, doch nun stimmt zusätzlich noch das Drumherum, um auch die kritischen Leser zu begeistern.
Deine tollen Geschichten, deine wunderbaren Charaktere haben deine ganze Sorgfalt verdient - damit auch möglichst viele Leser sie so lieben können, wie du es tust.

Eure Jessie

(Übrigens reißen mich Großbuchstaben mitten im Wort ebenfalls aus dem Lesefluss, deshalb gibt es bei mir nur Leser und keine LeserInnen, Autoren und keine AutorInnen – man möge es mir verzeihen.)